Kaffeefasern gegen Körpergeruch und ein T-Shirts aus Milch für zarte Haut

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Kaffeefasern gegen Körpergeruch und ein T-Shirts aus Milch für zarte Haut

Einige nehmen den Kaffeesatz zum Blumen düngen, andere können in ihm die Zukunft lesen, aber Anziehen?

Für Jason Chen, den Geschäftsführer des taiwanischen Textilherstellers Singtex Industrial, gibt es da keinen Zweifel. Aus jeder Tasse Kaffee lassen sich so etwa zwei bis drei T-Shirt schneidern. Unter dem Slogan „Drink it, wear it“ verkauft Singtex umweltfreundliche Funktionskleidung aus Kaffeefasern. Bekannte Marken wie Puma, Timberland, The North Face haben die Kaffeesatzmischung aus Taiwan für sich entdeckt und werben mit deren Vorteilen. „Die Fasern treffen den Nerv von Herstellern und Verbrauchern“, sagt Yin Cheng-ta vom Taiwan Textile Research Institute (TTRI). „Sie nehmen schlechte Gerüche auf, trocknen schnell und schützen vor UV-Strahlung. Zudem benötigt es für die Herstellung weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Fasern“, berichtet die FAZ.

Not macht erfinderisch, denn als in Taiwan die Löhne stiegen und sich die herkömmliche Textilproduktion auf das chinesische Festland und nach Südostasien verlagerte, musste sich der heimische Textilhersteller etwas neues einfallen lassen. Hinzu kam die Welle der Digitalisierung, die Taiwan überrollte. Der Markt entwickelte sich zu einer der führenden Regionen für High-Tech-Hersteller und für Chen wurde die klassische Herstellung von Bekleidung „made in Taiwan“ schlicht zu teuer. High-Tech fließt in die Fasern, Garne und Gewebe und bestimmen die Zukunft. „Nach Angaben der Marktbeobachter des TTRI kommen zwischen 60 und 70 Prozent der auf der gesamten Welt gefertigten organischen Textilien aus Taiwan.“ so die FAZ.

Bereits 2005 meldet Chen auf die Kaffeefaser ein Patent an, nachdem seine Frau Mei-hui in einer Kaffeekette eine Kundin beobachtete, die Kaffeesatz mitnahm, damit er die schlechten Gerüche aus dem Kühlschrank vertreibe. Dies müsse doch auch für Stoffe möglich sein. 3 Wissenschaftler tüftelten vier Jahre an der Optimierung des Kaffeesatzes. Zu Anfang rochen die T-Shirt noch sehr stark nach Kaffee. Das Gemisch mit Schweiß war dann alles andere als neutralisierend. Bis 2009 schickte Herr Chen seine Mitarbeiter mit der Kaffeekleidung Bergsteigen, Joggen und Wandern, dann kam der technologische Durchbruch. Die geruchsneutralisierende Faser ist gefunden und kurze Zeit später hängen die Textilien der Marke „S.Café“ bereits in den Läden. Die ersten Großkunden sind sicher. „Singtex ist einer der Marktführer im Segment Funktionskleidung. 25 Prozent des Gesamtumsatzes mache er heute mit seinen Faserprodukten, sagt Chen. Das seien immerhin um die zehn Millionen Dollar,“ bestätigt er der FAZ.

500 Kilogramm Kaffee benötigt Chen täglich für seine Produktion. Um diese Menge von den Kaffeefilialen aus dem Großraum Taipeh in seinen Betrieb zu bekommen hat er 200 Fahrer eingestellt, die den Kaffeesatz lastwagenweise abtransportieren. Bezahlen muss er dafür nichts, für die Kaffeeketten ist es schlicht Abfall.
Aus jedem Filter lassen lediglich 2 Prozent Kaffee-Extrakt gewinnen, das wiederum mit Polyester- oder Nylonresten gemischt wird, um die Kaffeefasern herzustellen. 6 Prozent extreme Feuchtigkeit sollen die Fasern aufnehmen. Um das zu demonstrieren, hat er sich einiges einfallen lassen. Für ein Werbevideo hat er den Boden eins Miniaquariums aufgebohrt und das Ganze an einem Stativ montiert. Während der Inhalt Tropfen für Tropfen im Gewebe der darunter gespannten Stoffproben verschwindet, zieht oben ein Goldfisch seine Kreise. Er symbolisiert Erfolg und Reichtum.
Beides hatte der Unternehmer fast verloren, als er versuchte Rohmaterial in China zuzukaufen. Es erwies sich als Minderwertig und ein Großkunde sprang ab und Chen verlor viel Geld. „Nach der schlechten Erfahrung „Made in China“, beschließt er, nur noch auf Taiwan zu produzieren. Manche Länder seien einfach noch nicht bereit für den ausgeklügelten Herstellungsprozess. „Besonders das Färben der Shirts aus Kaffeefasern ist hochkompliziert. Bisher gibt es nur wenige Länder, in denen das notwendige Knowhow dafür vorhanden ist. Neben Taiwan beispielsweise noch Italien,“ erklärt Chen der FAZ.
Seit 2012 stürmt der Erstligist FC Liverpool  mit 16 Prozent Kaffeefasergemisch in den Shirts das gegnerische Tor. „Das ist nicht nur umweltfreundlich, das riecht auch besser“, sagt Chen. Inzwischen seien rund eine Millionen der roten Kaffeefaser-Shirts an den Verein und die Fans verkauft worden.
Aber dies ist erst der Anfang. Schließlich gibt es noch viele Kleidungsstücke wie Socken und Schuhe, die von den Kaffeefasern profitieren könnten, aber auch Krawatten, ja selbst Koffer. Jason Chen hat jedenfalls noch viel vor.

Aber nicht nur Kaffee, auch Milch hängt schon am Kleiderbügel. Kaffeefasern sollen Geruchs neutralisierend sein, aber Milch? Stinkt das nicht? Anke Domaske kennt diese Frage und erklärt „Eiweißpulver ist ja auch geruchlos. Die Fasern werden aus Kasein gewonnen, einem Bestandteil und Nebenprodukt der Milch.“
Seit 1930 werden Kaseinfasern hergestellt, das Verfahren war aber bisher nicht sonderlich umweltfreundlich. Ungefähr 20.000 Liter Wasser und so einige chemische Stoffe braucht es, um nur ein Kilogramm der Faser herzustellen. Die Modedesignerin und Biologin Anke Domaske hat nun ein Verfahren entwickelt, das für ein Kilogramm Milchfasern nur zwei Liter Wasser und keine Chemie benötigt. Das Besondere an dem Stoff aus der Milch ist, er ist extrem weich auf der Haut, fast wie Seide, und wirkt zudem noch antibakteriell und antiallergisch. „Das Tolle an der Faser ist, dass sie so natürlich ist, dass man sie eigentlich essen könnte. Außerdem bleiben die 18 Aminosäuren aus der Milch erhalten, wirken auf die Haut und erhalten sie geschmeidig“, sagt Domaske der Welt. Mit ihrer Firma Qmilch will Domaske die Milchfaser „made in Germany“ weiter voran treiben.
Ich trinke morgens im Büro gerne meinen Milchkaffee, wer weiß, demnächst landet er nicht nur in meiner Tasse, sondern auch als schickes Kleidungsstück auf meiner Haut. 😉

[Quelle: FAZ.de; Bild.de]